Brexit-Update: Der König, die Streiks & die Finanzbranche

Wenn am kommenden Samstag in London King Charles III. zum britischen König gekrönt wird, dann feiern Millionen (nicht nur Briten) mit. Im Vergleich zur Krönung seiner Mutter vor 70 Jahren wird Charles‘ Feier eine Nummer kleiner ausfallen – so wie auch viele Wirtschaftsindikatoren auf der Insel in den vergangenen Monaten. Auch die britische Finanzbranche post-Brexit bleibt nicht ungeschoren. Die Konkurrenz ist ihr mittlerweile selbst bei einst als sicher geltenden Geschäftszweigen dicht auf den Fersen.

Aus Charles Windsor wird King Charles III. – es war ein langer Weg für den „ewigen Thronfolger“ und Prince of Wales auf den britischen Thron. War seine Mutter, Queen Elizabeth, erst 25 Jahre alt bei ihrer Krönung, wird Charles 74 Jahre alt sein, wenn ihm am Samstag in der Westminster Abbey die Krone aufs Haupt gesetzt wird. Die Briten freuen sich (der darauffolgende Montag ist ein nationaler Feiertag), und überall im United Kingdom (UK) werde lokale Feiern und Straßenparties stattfinden sowie ein Konzert vor Windsor Castle.

Auch der heimischen Wirtschaft soll die „Coronation“ einen Schub geben. Die Feierlichkeiten rund um das Platin-Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. im vergangenen Frühjahr veranlasste die Briten, während des „Jubilee weekend“ rund 87 Millionen GBP mehr für Lebensmittel als im Jahresdurchschnitt 2022 auszugeben. Marks & Spencer etwa wird voraussichtlich eine Million, speziell für Charles’ Krönung hergestellte, Keks- und Teedosen verkaufen.

Wie wichtig die Monarchie den Briten heute noch ist, lässt sich schwer sagen. Zwar befürworten sie laut einer Umfrage der BBC 58 %, während 26 % lieber ein gewähltes Staatsoberhaupt hätten. Unter den Jüngeren spricht sich aber kaum noch ein Drittel (32 %) für die Monarchie aus, und mehr als drei Viertel (78 %) sind an der Königsfamilie (und ihren immer wieder in der Boulevardpresse behandelten Skandalen und Skandälchen) nicht interessiert.

Wenige Lichtblicke für Regierung Sunak

Das Vereinigte Königreich hat seit geraumer Zeit mit anderen, massiven Problemen zu kämpfen. So musste der, nur wenige Wochen später als King Charles in sein Amt beförderte Premierminister Rishi Sunak zunächst die Scherben der kurzen, dafür aber umso chaotischeren Führung seiner Vorgängerin Liz Truss beseitigen.

Ihre Amtszeit war mit 50 Tagen nicht nur die kürzeste, die jemals ein britischer Premierminister hinlegte (offiziell kürzer als die Haltbarkeit eines handelsüblichen britischen Salatkopfes). Truss und ihr (noch kürzer im Amt weilender) Finanzminister Kwasi Kwarteng schafften es in dieser Zeit auch, durch waghalsige Budgetversprechungen das britische Pfund an den Abgrund und die Hypothekenzinsen im Land in die Höhe zu treiben.

Die seit Monaten andauernden Streiks verschiedener Berufsgruppen, vor allem im Gesundheitswesen, im Zugverkehr, bei den Lehrern sowie – sogar am Krönungswochenende – am Flughafen London Heathrow verlängern nicht nur Wartezeiten für Notarztwagen um Stunden und für Behandlungen um Monate – sie haben auch die Wirtschaft empfindlich geschwächt.

Die Neuverschuldung im Königreich fiel zuletzt etwas geringer aus als erwartet, hievte die Staatsschulden aber dennoch auf schwindelerregende 99,6 % des Bruttosozialprodukts Ende März – das höchste Niveau seit den frühen 1960er-Jahren. Erst kürzlich stufte der Internationale Währungsfonds in seinem Forecast für dieses Jahr Großbritannien auf den letzten Platz unter den G7-Staaten herab.

Zu den wenigen Lichtblicken für Sunaks Regierung gehören bislang das „Windsor-Abkommen“, die erste post-Brexit-Vereinbarung zwischen der EU und UK um die komplizierte Nordirland-Frage, sowie das geringe, aber dennoch hartnäckige Wachstum, welches die britische Ökonomie in diesem Jahr besonders im Inland an den Tag gelegt hat.

Nackenschläge für britische Wirtschaft und Industrie

In den vergangenen Monaten hat die dortige Wirtschaft einige Nackenschläge, Herabstufungen und Skandale erlitten: Etwa im Januar, als die hochfliegenden Träume von Großbritanniens Rolle in der internationalen Raumfahrt nach dem ersten, leider fehlgeschlagenen Start eines Satelliten in Cornwall ein jähes Ende fanden. Es folgte die Insolvenz des Betreibers Virgin Orbit und Klagen über die überbordende Bürokratie der UK Space agency, welche solche Unternehmungen angeblich nicht mehr wirtschaftlich mache.

Oder im April, als die britische Kartellbehörde die 69 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme des Computerspieleherstellers Activision durch Microsoft untersagte. Microsofts Präsident Brad Smith erklärte der BBC darauf, diese Entscheidung sei „der schwärzeste Tag in unseren vier Jahrzehnten in Großbritannien“ gewesen. Er frage sich, ob die EU nicht doch der bessere Platz für Investitionen sei.

Im gleichen Monat erhoben mehr als ein Dutzend Frauen Vorwürfe gegen Führungskräfte des britischen Industriedachverbandes CBI wegen sexueller Nötigung und zwei angeblichen Vergewaltigungen auf Veranstaltungen des CBI. Das führte zu einem Exodus vieler renommierter Mitgliedsfirmen.

London verliert bei IPOs, Aktien- und Währungshandel

Auch für die britische Finanzindustrie ist der Wind in den vergangenen Monaten rauer geworden. Der Grund dafür ist meist das böse „B“-Wort: Brexit.

Noch immer gibt es kein Abkommen zwischen der EU und dem Königreich für die Zukunft der Dienstleistungsbranche und damit auch für die Finanzindustrie. Die beschäftigt immer noch über eine Millionen Menschen und trug im Finanzjahr 2021/22 fast 39 Milliarden GBP bzw. 4,7 % zu den gesamten Steuereinnahmen des britischen Staates bei.

Im Wettbewerb um den größten Aktienhandelsplatz in Europa hat Paris London mittlerweile überholt. Neue prestigeträchtige Börsengänge britischer Firmen wie der des Chipherstellers Arm finden nicht in London, sondern in den USA statt. Im internationalen Währungshandel mit seinen rund 7,5 Billionen US-Dollar, die dort jeden Tag umgesetzt werden, ist London weltweit weiter führend – doch auch hier holen Länder wie die USA, Singapur, Deutschland und Frankreich auf.

Londons Anteil am Währungshandel fällt

Quelle: Bank for International Settlements (BIS)

Arbeitsmarkt auch für Londoner Banker härter

Viel Homeoffice und wachsende Leerstandsquoten setzen derweil dem Londoner Büroimmobilienmarkt zu, der zu den größten der Welt zählt. Er performte in den vergangenen Monaten so schwach wie seit den Corona-Quartalen 2020 nicht mehr. Vier von zehn der britischen Beschäftigten arbeiten nach Angaben der nationalen Statistikbehörde ONS mindestens einen Tag in der Woche zu Hause – vor der Pandemie waren es nur 12 %.[1]

Die jüngsten Turbulenzen in der Bankenwelt (Silicon Valley Bank, Credit Suisse etc.) hinterlassen auch in Großbritanniens Hauptstadt Spuren: Während das Angebot offener Stellen in der City im ersten Quartal dieses Jahres um fast ein Drittel (31 %) gegenüber dem Vergleichszeitraum 2022 zurückging, stieg die Anzahl der Jobsuchenden um 12 %. Die Zahlen belegen, dass der Arbeitsmarkt angesichts der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit und drohenden Kündigungen auch für Banker härter wird.

King Charles III. muss sich um solche banalen Probleme nicht sorgen. Er hat seinen Job auf Lebenszeit sicher.

 

5. Mai 2023

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[1] Quelle: Handelsblatt, 26/04/2023: Hohen Zinsen drücken den Wert britischer Gewerbeimmobilien

Header-Foto: BBC

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Autor

Hagen Gerle

Hagen Gerle ist Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche. Der gelernte Tageszeitungsredakteur und ehemalige Kommunikationsmanager von Fidelity Investments berät seit 1994 vorrangig ausländische Fondsgesellschaften, die seit kurzem im deutschen Markt tätig sind oder ihren Markteintritt dort noch planen.
2002 gründete er sein eigenes Beratungsunternehmen in Frankfurt/Main. Gerle Financial Communications bietet Kunden strategische Beratung, Medienarbeit, Investment writing und die Erstellung von Unternehmenspublikationen. 2011 siedelte Hagen Gerle mit Familie und Geschäft in den Südwesten Englands um, von wo er Finanzunternehmen in verschiedenen Ländern betreut.

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