Finanzplatz UK post-Brexit: Suche nach neuem Sinn

Großbritanniens Regierung und die britische Finanzbranche suchen momentan händeringend nach Möglichkeiten, um das Vereinigte Königreich post-Brexit als internationalen Finanzplatz attraktiv zu halten. Tatsächlich hat die Finanzindustrie auf der Insel seit dem EU-Referendum im Juni 2016, vor allem aber in den vergangenen Monaten, tüchtig an Personal, Unternehmen und Assets verloren.

Goldman Sachs tut es, JPMorgan tut es, und auch die Deutsche Bank ist sich nicht zu fein – die drei globalen Finanzinstitute haben in den vergangenen Wochen angekündigt, hunderte von Mitarbeitern aus Großbritannien in die Europäischen Union (EU) zu verlagern.1 Seit das Vereinigte Königreich (UK) die EU zu Beginn dieses Jahres verlassen hat, kämpft der britische Finanzplatz mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen, die seine bisherige Vormachtstellung in Frage stellen.

Das fing schon am ersten Handelstag nach dem Brexit, am 4. Januar 2021, an, als der London Stock Exchange EUR 6,3 Milliarden an Umsätzen beim Aktienhandel an europäische Börsen verlor, in erster Linie an Amsterdam. „Die Antwort Londons war eine Reihe von Überprüfungen der Fintech-Industrie und der Börsenzulassungsregeln, aber die Suche der Square Mile nach einer neuen Identität bleibt ein Prozess“, fasst der Nachrichtendienst Bloomberg zusammen.2

So haben sich Prophezeiungen einer dramatischen Deregulierung, welche den Finanzplatz London zum sogenannten „Singapur-an-der-Themse“ wandeln sollte, schnell als voreilig erwiesen. Gleichzeitig sind die Hoffnungen vieler Londoner Banker auf einen ungehinderten Zugang in die EU (ein Prozess, der als „Äquivalenz“ bekannt ist) dahin. Denn Brüssel hat den Brexit als Chance erkannt, seine eigenen Kapitalmärkte zu vertiefen – und hat es mit einem Abkommen nicht so eilig.3

Meiste Firmenumzüge entfallen auf Investmentgesellschaften

Tatsächlich hat die britische Finanzindustrie seit dem EU-Referendum, vor allem aber in den vergangenen Monaten, tüchtig an Personal, Unternehmen und Assets verloren. Mehr als 7.500 Finanzjobs sind seit dem Referendum von Großbritannien in die EU verlagert und Assets im Wert von mehr als GBP 1,2 Billionen dorthin umgeschichtet worden, ermittelte der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young.4 Im März allein verlor die City knapp USD 3,3 Billionen im attraktiven Derivatehandel, vor allem an US-Handelsplattformen.5

Quelle: New Financials/Bloomberg, April 2021

Eine Studie des Londoner Think tanks New Financial vermittelt einen ziemlich dramatischen Eindruck, wie sich diese Verlagerungen innerhalb einzelner Segmente der Finanzbranche auswirken. Danach ist das Asset Management am stärksten betroffen: Von den 440 Finanzfirmen, die laut New Financial Geschäft aus Großbritannien in die EU umgesiedelt haben, sind 126 Investmentgesellschaften.6 Das verwundert nicht, denn die post-Brexit-Phase ist für viele Asset Manager eine Grauzone, solange es eben noch kein separates Abkommen zwischen UK und der EU gibt.

Aufsicht warnt vor Beratungen europäischer Kunden aus UK

Wer als Fondsmanager bislang keine eigene Niederlassung in der EU betreibt, für den wird es eng. Die europäische Regulierungsbehörde ESMA hat schon im vergangenen Herbst angekündigt, sie wolle Investmentmanagern aus Nicht-EU-Staaten strengere Transparenzauflagen verordnen.7

In einer Bekanntmachung Mitte Januar warnte die Aufsicht Asset Manager aus Drittstaaten (wie es UK nun gegenüber der EU ist) vor Tricksereien – etwa, in dem der europäische Kunde eine Einwilligung anklicken soll, dass er „dringend darum gebeten habe“, von dem Manager aus London betreut zu werden. Mancher britische Asset Manager hat den Vertrieb seiner Fonds auf dem Kontinent aus Furcht vor rechtlichen Konsequenzen deshalb vorsichtshalber ganz eingestellt.

Hoffnungen an der Themse auf IPOs, Islamic Finance und Dual Listings

Im Wettbewerb mit der EU und dem gleichzeitigen Versuch, Äquivalenz für britische Regeln innerhalb der Union zu erreichen, regt sich bei den Briten allerdings Widerstand, nur ein „ruler-taker“ zu sein8 – und es entsteht die Frage, ob sich der Aufwand wirklich lohnt.9
Erste Absatzversuche gibt es schon, etwa die gegenseitige Anerkennung der Schweizer und Londoner Finanzplätze sowie der Handel von CHF aus London heraus.10
Eine andere Profilierungschance sehen Wissenschaftler wie Prof. John Bryson von der Universität Birmingham in nachhaltigen Investments mit Zielgruppe muslimische Anleger: „Die City muss bei der Entwicklung im Bereich Green und Islamic Finance innovativ bleiben.“11

„Mancher britische Asset Manager hat den Vertrieb seiner Fonds auf dem Kontinent aus Furcht vor rechtlichen Konsequenzen eingestellt.“

Hagen Gerle

Anfang März präsentierte Lord Hill, der ehemalige EU-Kommissar Großbritanniens für Finanzdienstleistungen, in einem vielbeachteten Bericht Vorschläge, wie Börsennotierungen in London künftig flexibler und attraktiver für Emittenten und Investoren gestaltet werden können.12
Gerne verkünden Premier Boris Johnson und sein Finanzminister Rishi Sunak auch, dass sie Unternehmen aus Zukunftsbranchen für ein vereinfachtes Listing an der Londoner Börse gewinnen wollen.13 Der Börsengang des Essenslieferanten Deliveroo im März, der ein Drittel unter dem Ausgabepreis endete, war allerdings kein Vorzeigestück – der Druck wächst damit für den britischen IPO-Platz.14 Auch in punkto Special Purpose Acquisition Companies (SPACs) haben aus europäischer Sicht gerade die Börsenplätze Amsterdam und Frankfurt, nicht London, die Nase vorne.15

Für den Finanzplatz Großbritannien post-Brexit haben der Kampf um die einstige Vormachtstellung und die Suche nach Alleinstellungsmerkmalen gerade erst begonnen.

 

17. Juni 2021

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1Quelle: Financial News, 01/06/2021: Goldman Sachs bolsters European staff numbers by nearly 300 in wake of Brexit
²Quelle: Bloomberg, 11/01/2021: City of London’s plight laid bare as Brexit deal hopes fade
³Quelle: Bloomberg, 13/04/2021: Deliveroo to Dimon stoke fears about London’s post-Brexit future
4Quelle: E&Y Website, 01/10/2020: EY Financial Services Brexit Tracker
5Quelle: Bloomberg, 16/04/2021: New York wins from $3.3 trillion hit to one key market
6Quelle: Bloomberg, 16/04/2021: Brexit Led Over 440 Finance Firms to Shift Some Business to EU
7Quelle: Ignites Europe, 02/10/2020: Brexit: regulatory ‚game of chicken‘ brings operational upheaval
8Quelle: EBR European Business Report (Reuters), 29/03/2021: City of London should not blindly adopt EU rules, says BoE’s Brazier
9Quelle: The Economist, 04/02/2021: Access to the EU financial-services market is not worth the price
10Quelle: City AM, 27/01/20201: UK to start talks with Switzerland on post-Brexit financial services deal
11Quelle Institutional money, Ausgabe 02/2021, S. 162: ESG à la Scharia
12Quelle: Jonathan Hill, 03/03/2021: UK Listing Review
13Quelle: EBR European Business Report (Reuters), 03/03/2021: Be creative in keeping City of London competitive, UK govt tells Bank of England
14Quelle: Bloomberg,16/04/2021: London Needs A Tech IPO Hit To Forget Its Deliveroo Debacle
15Quelle: PitchBook.com, 17/05/2021: As the US SPAC boom cools, Europe’s is just heating up

 

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Autor

Hagen Gerle

Hagen Gerle ist Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche. Der gelernte Tageszeitungsredakteur und ehemalige Kommunikationsmanager von Fidelity Investments berät seit 1994 vorrangig ausländische Fondsgesellschaften, die seit kurzem im deutschen Markt tätig sind oder ihren Markteintritt dort noch planen.
2002 gründete er sein eigenes Beratungsunternehmen in Frankfurt/Main. Gerle Financial Communications bietet Kunden strategische Beratung, Medienarbeit, Investment writing und die Erstellung von Unternehmenspublikationen. 2011 siedelte Hagen Gerle mit Familie und Geschäft in den Südwesten Englands um, von wo er Finanzunternehmen in verschiedenen Ländern betreut.

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