ESG 2022 - Die Wachstumsmöglichkeit des Jahrhunderts

Diese Analyse bildet die Grundlage für die Untersuchungen in der kürzlich veröffentlichten Studie „2022: The growth opportunity of the century“.

Seit Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele im Jahr 2015 hat der Begriff ESG (Environment, Social, Governance Anlagekriterien) zunehmend an Bedeutung gewonnen. Ging man bei ESG zunächst von einem einfachen Trend aus, entwickelte sich das Thema rasch zur größten Revolution der europäischen Fondsbranche, da dieses es wie nie zuvor ermöglicht eine Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und Finanzdienstleistungen zu schaffen. Dabei lassen die Auswirkungen der Revolution sogar diese der UCITS oder der AIFMD hinter sich und führen dazu, dass Stakeholder Nachhaltigkeitsthemen vermehrt Bedeutung schenken und auch die EU-Politik entsprechende Maßnahmen einleitet, um Klimaziele erreichen zu können. Man kann hierbei sogar von einem Paradigmenwechsel sprechen, welche die Finanzbranche grundlegend in Umschwung bringt. Vorausschauend wird erwartet, dass ESG Vermögenswerte bereits 2025 zwischen 5,5 und 7,6 Billionen Euro erreichen und somit 41 % bis 57 % des gesamten Vermögens in Investmentfonds in Europa ausmachen werden. Doch worin liegen die Gründe für den extremen Wandel hin zu ESG Investitionen? Gemäß einer Analyse von PwC lassen sich die folgenden vier Faktoren identifizieren.

1. Überarbeitung der Gesetzgebung

Mithilfe von Reorientierungsmaßnahmen in Bezug auf Kapitalströme ist die Gesetzgebung bemüht Umwelt- und soziale Herausforderungen zu adressieren. EU-Behörden sind hierbei aufgrund der starken regulatorischen und gesetzgeberischen Struktur die globalen Führer. Zu erwähnen ist dabei, dass ein Großteil der Investoren in Europa (52 %) ESG Überlegungen während Investitionsentscheidungen miteinbeziehen. Der EU-Aktionsplan sowie die SFDR spielen dabei eine bedeutende Rolle. (Die „Sustainable Finance Disclosure Regulation“ ist eine Offenlegungsverordnung, um mehr Transparenz in Bezug auf Nachhaltigkeit im Anlage- und Beratungsprozess zu fördern.) Maßnahmen, welche zunächst freiwillig durchgeführt werden konnten, entwickeln sich zunehmend zu verbindlichen Gesetzen, welche bei Nichteinhaltung auch entsprechend bestraft werden können. Der Wandel zu nachhaltigen Investmentmodellen wird demnach aufgrund von wachsendem Regulierungsdruck beschleunigt. Die Corona Pandemie und der damit zusammenhängende Wirtschaftsabschwung sowie die Konjunkturbelebungsmaßnahmen („green recovery“) katalysieren außerdem den Wandel hin zu zunehmend gesellschaftlichem Bewusstsein für ESG Faktoren.

2. ESG-Investments mit überdurchschnittlicher Performance

Einst ging man davon aus, EGS Investitionen hätten negative Auswirkungen auf finanzielle Erträge im Vergleich zu traditionellen Investmentformen: Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die aktuelle PwC Studie zeigt, dass ESG-ausgerichtete Fonds ihre traditionellen Äquivalente von 2010 bis 2019 performancetechnisch um 9% übertreffen.

Dies wurde unter anderem während der Corona Pandemie deutlich. Traditionelle Vermögensklassen hatten währenddessen mehr Verluste zu verzeichnen als ESG Fonds. Permanente ESG-Kontrolle und Anpassungsmaßnahmen ermöglichen es, dass Manager finanziell negative Auswirkungen frühzeitig erkennen können. Die bereits vorherrschende Performancediskrepanz wird sich nach Einschätzung von PwC in den nächsten Jahren sogar noch weiter vergrößern und die anfängliche Sorge, mit ESG Produkten könne kein Ertrag erwirtschaftet werden, wird vollständig verschwunden sein.

3. Steigender Investorenbedarf

Eine neue Generation an Investoren ist entstanden, welche nicht nur finanzielle Erträge, sondern auch nicht-finanzielle Aspekte berücksichtigt und somit vermehrt ESG Überlegungen in den Investmentprozess integriert. Ausschlaggebend für den Wandel hin zu ESG Investitionen sind somit die Investoren, die auf den wachsenden Druck von Gesetzgebern, Stakeholdern und auch Kunden reagieren. Die derzeitigen Bemühungen der Asset Manager müssen jedoch noch weiter verstärkt werden, da zukünftig eine Konvergenz zwischen ESG- und Nicht-ESG-Produkten zu erwarten ist. Man geht davon aus, dass ein wachsendes Produktsortiment geschaffen wird, welches zunehmendes Diversifizieren ermöglicht. Einer aktuellen PwC-Umfrage nach zu urteilen erwarten 99 % der institutionellen Investoren diese Konvergenz und auch die befragten Asset Manager sind mit 94 % ebenso davon überzeugt. Demgegenüber steht, dass nur 14 % der Asset Manager zukünftig planen die Einführung von Nicht-ESG-Produkten einzustellen.

4. Grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, verstärkt durch aktuelle ökologische, soziale und gesundheitliche Krisen

Nachhaltigkeit und Klimawandel sind Themen, die mittlerweile dank wachsendem gesellschaftlichem Bewusstsein ganz oben auf der globalen Agenda stehen. Nachhaltige Investitionen werden aufgrund von Krisensituationen wie beispielsweise dem aktuellen Impulsgeber, der Corona Pandemie, sogar verstärkt und beschleunigt. Ausschlaggebend dafür ist, dass die durch Missachtung der ESG Faktoren entstandenen Konsequenzen im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit und Kritik stehen und damit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Infolgedessen gehen 97 % der Umfrageteilnehmer davon aus, dass die Folgen der Pandemie auch zukünftig ihren ESG Ansatz beeinflussen werden.

Der Wandel der europäischen Asset- und Wealth- Management Industrie wird somit grundlegend durch die oben genannten Faktoren vorangetrieben und beschleunigt. Ergreifen Asset Manager entsprechende Maßnahmen, um diesen Wandel weiter voranzutreiben und folgen klaren Strategien, kann eine Vielzahl an Chancen und Möglichkeiten geschaffen werden, von denen wir alle profitieren können. Dafür ist es jedoch nötig, dass überhaupt gehandelt und nicht untätig zugesehen wird.

PwC bietet einige Vorschläge, welche Maßnahmen von Managern ergriffen werden können, beziehungsweise was beim Umschwung beachtet werden muss, um den Wandel weiter zu unterstützen. Beispielsweise können Manager ihr Unternehmen neu ausrichten, indem sie dem Ansatz „Business as usual“, „Selective Approach“ oder „Sustainable Asset Management“ folgen. Beim Ansatz des „Business as usual“ halten Manager den Status quo zunächst aufrecht. Es wird abgewartet, ob Investoren dauerhaft ESG Ansätze berücksichtigen, bevor die Manager ihre Organisations- und Verwaltungsstrukturen ändern oder ihre Strategien neuausrichten. Langfristig gesehen wird dieser Ansatz jedoch zu keinem Erfolg führen, da es sich schwierig darstellen wird sich als „Nachzügler“ im Markt zu etablieren, wenn Konkurrenten bereits erste Erfolge in diesem Bereich erzielen konnten. Beim „Selective Approach“ integrieren Manager ESG Prinzipien lediglich in ihre Schlüsselprozesse, um sich an den unterschiedlichen Interessen der internen und externen Stakeholder entsprechend ausrichten zu können. Dabei kann der Bedarf aller Investoren gedeckt werden. „Selective Approach“ kann somit als Sprungbrett hin zu einem komplett nachhaltigen Asset Management betrachtet werden. Bei Anwendung des „Sustainable Asset Management“ wird ESG als Kernstück der Vision und Mission betrachtet. Hier wird sowohl die Investment- als auch die Organisationsstrategie grundlegend neugestaltet und ESG Überlegungen werden umfassend verankert. Bei allen genannten Optionen unterliegen die Manager einem Mindeststandard für die aufsichtsrechtliche Berichterstattung, völlig unabhängig von der Unternehmensstrategie.

Des Weiteren ist wichtig, den ESG-Ansatz glaubwürdig und konsequent zu verfolgen, um sicherstellen zu können, dass der gewählte ESG-Ansatz sowohl auf Unternehmens- als auch auf Produktebene umgesetzt wird, und nach Wegen gesucht wird, um die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Beschaffung und Verwendung von ESG-Daten bewältigen zu können. Gleichzeitig sollte ein starker ESG-Risikomanagementprozess entwickelt werden, um mögliche Reputations- und Finanzrisiken vermindern oder sogar verhindern zu können. Bei der Einführung der neuen ESG-Faktoren ist es auch wichtig, über die Mindestanforderungen an die Berichterstattung hinauszugehen, da die Gesellschaft mehr verlangt als auf gesetzlicher Ebene gefordert wird und Manager, die in ihrem Berichtsansatz darüber hinausgehen, die größten Gewinner darstellen werden. Schließlich stellt eine weitere Maßnahme dar, die Investitionsgemeinschaft und das Personal besser auszubilden und weiterzuqualifizieren, um eine zukunftsfähige Belegschaft gewährleisten zu können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ESG-treibenden Kräfte nicht nur einen Wandel in der Asset- und Wealth-Management-Branche darstellen, sondern weitreichende positive Auswirkungen auf den gesamten europäischen Kontinent haben könnten. Da Kapitalmärkte verstärkt in Richtung nachhaltiger Projekte gelenkt werden, kann Europa aufgrund seiner Vorreiterposition als „globaler ESG Hub“ agieren. Im Zuge dessen können vermehrt neue Arbeitsplätze und Möglichkeiten geschaffen werden, um den Wohlstand der Bevölkerung weiterhin zu steigern. Somit haben Vermögensverwalter durch die Berücksichtigung und Umsetzung der oben genannten Maßnahmen eine einzigartige Gelegenheit, diese Entwicklung zu beeinflussen und vorteilhafte Ergebnisse für alle Beteiligten zu erzielen.

 

 

22. September 2021

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Autor

Olivier Carré

Olivier Carré ist Partner und Leiter der regulatorischen Beratung bei PwC Luxemburg. Er hat eine breite Erfahrung in der Finanzdienstleistungsbranche und vor allem in der Private Banking und Investmentfonds-Industrie. Herr Carré ist, mit seinen Kernschwerpunkten auf regulatorischen und Compliance Themen, MiFID II Leader und BREXIT-Experte. Zum Themengebiet BREXIT arbeitet er und sein Team eng mit dem PwC Netzwerk in Großbritannien zusammen, um internationalen Finanzdienstleistern bei allen Eventualitäten der BREXIT-Verhandlung zu unterstützen. Darüber hinaus hat er Kunden bei der Analyse und Umsetzung von regulatorischen Anforderungen wie AIFMD, FATCA, UCITS IV und EMIR geholfen.

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