„Vieles steckt zwar noch in den Anfängen, wird aber zunehmend mehr und mehr an Bedeutung gewinnen"

Allein 2021 wurden in den USA 50 Medikamente zugelassen. Die Möglichkeiten, mit Arzneien und medizinischen Geräten behandelt zu werden, sind weiter gestiegen und damit setzt sich auch der positive Trend für Gesundheitsaktien fort.
Welche Herausforderungen jedoch auf den Gesundheitssektor warten – gerade mit Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Ereignisse – und welche wichtige Rolle die Digitalisierung für die Weiterentwicklung der Branche spielt, erläutert Andreas Dittmer, Head of Institutional Sales bei apoAsset, exklusiv auf FONDSTRENDS.LU.

FONDSTRENDS.LU: Wir sehen aktuell aufgrund der gesellschaftlichen Herausforderungen einen turbulenten Markt, der empfindlich auf Rohstoffmangel, die Lieferkettenproblematik, Krieg, Energiekrise und Pandemie reagiert. Inwiefern wirkt sich das auf Gesundheitsaktien aus?

Andreas Dittmer: Historisch zeigte der Gesundheitssektor gerade in Krisensituationen, dass er einen defensiveren Grundcharakter hat und sich weitgehend unabhängig von konjunkturellen Zyklen verhalten hat. Differenzierter betrachtet spielen die Subsektoren Pharma und hochkapitalisierte Biotechwerte diese defensiven Qualitäten zurzeit aus. Wo Licht ist, ist auch Schatten: Medizintechnik hat als Subsektor am stärksten unter den angesprochenen Themen zu leiden. Somit gehen natürlich diese Herausforderungen auch am Gesundheitssektor nicht spurlos vorbei.

FONDSTRENDS.LU: Unser letztes Interview fand im Jahr 2019 statt. Wie hat sich dahingehend die Pandemie auf den gesamten Gesundheitsbereich ausgewirkt?

Andreas Dittmer: Es verwundert sicher niemanden, dass gerade die Lock-Down-Perioden viele neuartige Angebote in der Gesundheitsindustrie hervorgebracht haben. Diese finden sich insbesondere im Bereich Digitalisierung, die in den letzten 3 Jahren einen enormen Auftrieb erfahren hat. Gemeint sind telemedizinische Anwendungen, wie die Medical App vom ADAC, KI-Software zur Auswertung von radiologischen Screenings in der Onkologie (Krebstherapie), digitale Angebote zur Frauengesundheit (kurz: FemTech) und in der Psychotherapie. Hier werden für therapeutische Zwecke Computerspiele (Serious Gaming) eingesetzt, um Depressionen oder Angststörungen zu bewältigen. Vieles steckt zwar noch in den Anfängen, wird aber zunehmend mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.

FONDSTRENDS.LU: Im Zuge von Covid-19 erlebte die Impfstoffentwicklung eine regelrechte Blütezeit. Abseits dessen wächst die gesamte Branche aber rasant, auch infolge der Digitalisierung. Wo sehen Sie die größten Wachstumstreiber und wie bilden Sie diese in ihrem Fonds ab?

Andreas Dittmer: Einer der größten Wachstumstreiber ist der Kostendruck. Wir geben in Europa 10 bis 12 % vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) für Gesundheit aus, in den USA fast 18 %. Damit die Gesundheitsversorgung langfristig finanzierbar bleibt, muss die Behandlungskette schlanker werden. Hier ist die Digitalisierung der Prozesse ein wichtiger Baustein. Ein Beispiel hierfür, das seinen Ursprung bereits in den Neunzigern fand, ist verstärkt die Implementierung sogenannter Value-Base-Care-Modelle, was sich am ehesten mit wertorientierter Gesundheitsversorgung übersetzen lässt. Dahinter verbirgt sich ein Konzept für die Umstrukturierung von Gesundheitssystemen mit dem hochgesteckten Ziel, den Nutzen für Patientinnen und Patienten zu erhöhen. In den USA werden derzeit viele spannende neue Modelle entwickelt, bei denen Versicherer und Gesundheitsversorger zusammenwachsen. Auf Fondsebene eignen sich zum Beispiel Versicherungsunternehmen in den USA, die den Trend der Evaluierung und Steuerung von Risiken bereits umsetzen.

FONDSTRENDS.LU: Investitionen in den Biotech-Sektor gelten als schwierig, da die Aktienauswahl beispielsweise aufgrund klinischer Phasen und ablaufenden Patenten von Unsicherheit geprägt ist. Wie bilden Sie diese potenziellen Unsicherheiten und Chancen in Ihrem Fonds ab?

Andreas Dittmer: Der Fokus unserer Portfoliomanager liegt auf Unternehmen, die bereits Produkte am Markt haben, oder mit der Entwicklung sehr weit fortgeschritten sind, mindestens in Phase II. Gerade die Phase vor Bekanntgabe klinischer Daten ist mit enormen Risiken verbunden, daher reduzieren wir vor den sogenannten Read-Outs sehr häufig die Positionen. In dem Zusammenhang ist neben dieser Form des Risikomanagements auch wichtig zu erwähnen, dass wir nicht nur über Unternehmen diversifizieren, sondern auch über Indikationen, also für welche Krankheit eine medizinische Behandlung als angemessen erscheint.

FONDSTRENDS.LU: Dank des globalen demographischen Wandels und Bevölkerungswachstums scheint dem Wachstum des Gesundheitsmarktes vorerst keine Grenze gesetzt. Wo sehen Sie das größte Potenzial?  

Andreas Dittmer: Unter regionalen Gesichtspunkten prognostizieren wir ein enormes Wachstumspotenzial in den Emerging Markets. In diesen Ländern, darunter China, Indien und Brasilien, aber auch in vielen anderen Ländern stellt man neben den prosperierenden Wirtschaftsentwicklungen zunehmend steigende Ausgaben für das Gesundheitssystem fest. Hierzu tragen auch für diese Regionen eher untypische Krankheiten bei. Durch eine „Verwestlichung“ der Ernährungsgewohnheiten (Western pattern diet) entwickelt sich die Tendenz einer uns bekannten Volkskrankheit: Diabetes. Aktuell sind bereits über 500 Millionen Menschen global erkrankt und müssen regelmäßig Medikamente einnehmen, sind in ihren Essgewohnheiten einschränkt und müssen regelmäßig Insulin spritzen. In etwa 20 Jahren werden es nach Schätzungen fast 800 Millionen Menschen sein. Das sind 10 % der weltweiten Bevölkerung. Hier können Innovationen helfen die Krankheit zu lindern oder den Patientinnen und Patienten vielleicht zu heilen. Entsprechend hoch ist das Marktpotential für Unternehmen in diesem Markt.

FONDSTRENDS.LU: Welche Innovationen können wir im Biotech-Sektor in der kommenden Zeit erwarten?

Andreas Dittmer: Den größten Schwerpunkt in der Forschung bildet die Onkologie. Hier erwarten wir einige spannenden Entwicklungen und Ergebnisse von Medikamenten, die sich in der vor-/klinischen Phase befinden. Die Erwartung geht auch dahin, dass die mRNA-Technologie – erfolgreich bei Covid-Medikamenten – erste Früchte auch bei der Krebsbekämpfung tragen könnte. Aber auch Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) sowie seltene Erkrankungen (Orphan diseases) nehmen ein hohes Gewicht bei unseren Investitionen im Biotech-Sektor ein.

FONDSTRENDS.LU: Herr Dittmer, wir danken Ihnen für das sehr interessante Interview und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!

 

15. September 2022

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Autor

Andreas Dittmer

Andreas Dittmer, Jahrgang 1975, ist Head of Institutional Sales der Apo Asset Management GmbH. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften begann der Betriebswirt seine Karriere als Fondsmanager für die Westfalenbank AG, bevor er 2003 in dieser Position zur Apo Asset Management stieß. Seit 2014 ist er dort für die Betreuung institutioneller Anleger verantwortlich.

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