Impact Investing mit US-Lebensversicherungen

Die Nachfrage nach nachhaltigem, verantwortungsvollem und wirkungsorientiertem Investieren („SRI“) nimmt weiter zu. Immer mehr Anleger wollen mit ihren Finanzentscheidungen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft ausüben.

Infolgedessen konzentriert sich die bestehende SRI-Investitionslandschaft in erster Linie auf Umwelt-, Sozial- und Corporate-Governance-Themen, die ins öffentliche Bewusstsein gerückt sind. Aber was ist mit SRI-Themen, die noch nicht ganz im Zeitgeist des frühen 21. Jahrhunderts angekommen sind? Auch wenn sich manche gesellschaftlichen Probleme eher als steigende Flut denn als Flutwelle manifestieren, können die daraus resultierenden gesellschaftlichen Auswirkungen ebenso katastrophal sein. Dazu gehört das immer wichtiger werdende Thema der Langlebigkeit, das uns alle betrifft, da in der Folge die Kosten zur Finanzierung von Lebensversicherungen steigen und die Wahrscheinlichkeit wächst, dass das Absicherungsbedürfnis in der ursprünglichen Form wegfällt.

Finanzierung des Ruhestandes

Senioren in den USA sind mit drei tückischen sozialen Problemen konfrontiert: (i) fehlende Mittel zur Finanzierung des Ruhestandes, (ii) der steigende finanzielle Bedarf an langfristiger Gesundheitsversorgung und (iii) der unnötige Verfall von Milliarden von Dollar an Vermögenswerten in Form von abgelaufenen oder gekündigten Lebensversicherungspolicen. Life Settlements können somit als eine Form von SRI-Investitionen gesehen werden, da die Existenz eines Life Settlements-Marktes Senioren eine potenzielle Lösung für alle drei dieser Probleme bieten kann.

Im Austausch für eine Lebensversicherungspolice, die eine ältere Person vielleicht nicht mehr will oder braucht, kann der sofortige Geldbetrag aus einer Life Settlement-Transaktion verwendet werden, um einen komfortablen Lebensstandard im Ruhestand aufrechtzuerhalten oder laufende medizinische Leistungen zu erhalten. Aus diesem Grund könnten Investitionen in den Markt für Life Settlements einen bedeutenden, positiven Einfluss auf das soziale Wohlergehen der älteren Bevölkerung in den Vereinigten Staaten haben.

Damit ein Rentner in den USA seinen Lebensstandard aufrechterhalten kann, muss er den Großteil seiner künftigen Rentenzahlungen vor der Pensionierung aufbringen. Gegenwärtig betragen die Annuitäten auf der Basis der Ersparnisse in den meisten Altersvorsorgeplanungen weniger als der Betrag des Jahresgehalts in der aktiven Phase. Entsprechend werden die meisten Senioren nicht einmal zwei Jahre lang in der Lage sein, ihren Lebensstandard im Ruhestand zu halten. In Kombination mit den rapide steigenden medizinischen Kosten, kann die Situation schnell problematisch werden und so besteht die Gefahr, im Ruhestand kein ausreichendes Einkommen zu haben, um die grundlegenden, täglichen Ausgaben zu bestreiten.

Etwa die Hälfte der Amerikaner im Rentenalter werden in der Zukunft pflegebedürftig werden. Langzeitpflege umfasst ein breites Spektrum an Dienstleistungen, die sich mit den Bedürfnissen von Menschen befassen, die Hilfe bei den grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens benötigen. Die Leistungen können von der informellen Pflege durch Familie und Freunde bis hin zu den formellen Leistungen der häuslichen Pflege, des betreuten Wohnens oder der Pflegeheime reichen. Es wird erwartet, dass sich die Ausgaben für Langzeitpflege bis 2050 von 1,3 % des BIP auf 3 % mehr als verdoppeln werden, da die Nachfrage mit der alternden Bevölkerung steigt. Die durchschnittlichen jährlichen Kosten für ein Mehrbettzimmer in einer Pflegeeinrichtung werden auf etwa 80.000 Dollar geschätzt. Eine enorme Summe, die man mit einem begrenzten Einkommen aus eigener Tasche bezahlen muss.

Viele Senioren haben keine Ersparnisse für die Altersvorsorge, kein soziales Unterstützungsnetz und erhöhte medizinische Kosten. Für sie besteht vielleicht die einzige Möglichkeit darin, nicht lebensnotwendige Ausgaben zu streichen und ihr hart erarbeitetes Vermögen zu reduzieren. Manche stellen die Zahlung der Prämien für eine Lebensversicherung ein, um Geld zu sparen, insbesondere wenn die Todesfallleistung nicht mehr benötigt wird. Leider sind sich die meisten Menschen mit Lebensversicherungspolicen nicht bewusst, dass eine aktive Police ein Aktivposten ist, der einen intrinsischen finanziellen Wert besitzt.

Der US Zweitmarkt für Lebensversicherungen wächst

Seit 2008 wurden jedes Jahr über 33 Millionen Lebensversicherungspolicen mit einem geschätzten Gesamtwert von etwa 2,5 Billionen US-Dollar vorzeitig gekündigt. Laut einer gemeinsamen Studie der Society of Actuaries und der Life Insurance and Market Research Association (LIMRA) stornieren jedes Jahr 4,5 % der amerikanischen Lebensversicherungsnehmer über 65 ihre Police. Sie erhalten nie eine Leistung aus der Police, selbst wenn sie jahrzehntelang Beiträge an das Versicherungsunternehmen gezahlt haben.

Der Ursprung des Zweitmarktes für US-Lebensversicherungen basiert auf einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 1911, in dem Lebensversicherungspolicen als Vermögenswerte definiert werden, die nach dem Ermessen der Eigentümer an Dritte verkauft werden können. In den 1990er Jahren entwickelte sich daraus ein Zweitmarkt. In dieser Zeit wurden auch die ersten Finanzprodukte entwickelt, die diesen Markt für Investoren zugänglich machten.

Ein Handel mit Lebensversicherungsverträgen in den USA entsteht, wenn Versicherungsnehmer aufgrund von veränderten Lebensumständen oder allfälligem Geldbedarf den Versicherungsvertrag vorzeitig beenden möchten. Ein Großteil der in den USA gehandelten Versicherungspolicen sind Risikolebensversicherungen ohne Sparanteil. Bei einer vorzeitigen Rückgabe des Vertrages an die Versicherungsgesellschaft fällt der Rückkaufswert dementsprechend gering aus. Der Zweitmarkt für Lebensversicherungen bietet Versicherungsnehmern die willkommene Möglichkeit, einen ungleich höheren Preis zu erzielen als das, was die Versicherung als Rückkaufswert anbietet. Über den US Life Settlement Markt haben die Versicherten die Möglichkeit, sich aus der Abhängigkeit ihrer Versicherungsgesellschaft zu befreien. Sie können ihre Versicherungspolice an den Meistbietenden verkaufen. Seit 2015 stieg das von Versicherten über den Zweitmarkt gehandelte Volumen gemessen am Todesfallkapital von 2 auf über 3 Mrd. US-Dollar an.

Man geht davon aus, dass zeitgleich auf dem Tertiärmarkt, auf dem Investoren untereinander Lebensversicherungsverträge handeln, Policen im Gesamtwert von ca. 6 Mrd. US-Dollar gehandelt wurden. Der Käufer erwirbt die Police zu einem Preis, der wesentlich unter der Todesfallsumme liegt. Anschließend bezahlt er bis zum Ableben des Versicherten die fälligen Prämien und erhält dafür im Gegenzug das Todesfallkapital. Das Risiko des Käufers liegt in der zeitlichen Unsicherheit der Zahlungsströme (Prämien/Todesfallkapital). Dafür wird er angemessen entschädigt.

Besondere Merkmale der Assetklasse US Life Settlements

Die Rendite ist kaum abhängig von makroökonomischen Einflüssen. Sie unterliegt keinem komplexen Algorithmus, sondern basiert grundsätzlich auf der Sterblichkeit der Versicherten. Im Gegensatz zu Private Equity Anlagen, welche eine ähnliche Renditeerwartung bei vergleichbarer Investitionsdauer aufweisen, muss die Performance der Investition nicht zwingend durch einen Verkauf der Anlagen erzielt werden. Bei Life Settlements besteht neben dem Verkauf der Policen im Tertiärmarkt immer die Möglichkeit, die Policen bis zum Ableben des Versicherten zu halten und die erwartete Rendite zu realisieren. In dieser Hinsicht handelt es sich bei Life Settlements um ein „self-liquidating asset“. Das stabile Angebot von Life Settlements im Zweitmarkt führt dazu, dass davon ausgegangen werden kann, dass die erwarteten Renditen auch in Zukunft knapp zweistellig sein werden.

Ein Life Settlement ermöglicht es Versicherten, den in ihrer Lebensversicherungspolice enthaltenen Wert durch den Verkauf an Investoren auf dem Sekundärmarkt zu erzielen. Die Top-Life-Settlement-Anbieter des Jahres 2018 zahlten in 2.587 Transaktionen zusammen 640.480.000 US-Dollar in bar aus. Das bedeutet, dass der durchschnittliche Versicherte 247.576 US-Dollar erhielt, um sein Defizit bei der Altersvorsorge zu verringern, einen würdigen Lebensstandard im Ruhestand zu erhalten und die finanzielle Belastung für Familien und staatliche Programme zu verringern.

Fazit:

Der Markt für Life Settlements hat ein enormes, ungenutztes Potenzial für die Finanzierung der Gesundheitsversorgung älterer Menschen in den Vereinigten Staaten. Um die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken: Im Jahr 2017 betrugen die Kosten für die Abrechnung von Medikamenten, Langzeitpflege und häuslicher Pflege in den USA zusammen 20,6 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich dazu ließen im selben Zeitraum Menschen über 65 Jahre Policen mit einem Nennwert von 148 Milliarden US-Dollar verfallen oder stornieren. Wenn wir von einem Verhältnis von Transaktionspreis zu Nennwert von etwa 18 % ausgehen, dann bedeutet das, dass jedes Jahr etwa 26,6 Milliarden US-Dollar in die Taschen von Senioren, Rentnern und behinderten älteren Menschen zurückfließen könnten. Wenn der Sekundärmarkt für Life Settlements eine Kapitalisierung von 100 % erreichte, würde die Investitionssumme die Größenordnung erreichen, die benötigt wird, um die Lücken in der ambulanten Versorgung und der Langzeitpflege von Medicare zu schließen.

 

 

19. November 2021

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Autor

Dr.Rainer N. Grünig

Dr. Rainer Grünig absolvierte ein Studium an der Universität St. Gallen (HSG) in den Bereichen Risikomanagement und Versicherung, das er mit der Promotion abschloss. Den Einstieg ins Berufsleben fand Herr Grünig 1990 als Berater bei I.VW (Institut für Versicherungswirtschaft) sowie anschließend bei PwC in der Insurance Practice. Nach Tätigkeiten bei Zürich Insurance (1995) und als COO von Orion RV, wechselte er im Jahr 2001 in die Geschäftsleitung von Julius Baer Investment Fund Services Ltd. und verantwortete dort ab 2008 das Fondsgeschäft in London. Im Jahr 2010 erfolgte dann der Wechsel als CEO der Plenum Investments AG, bei der er im Jahr 2015 die Verantwortung für den Anlagebereich "Leben" übernimmt.

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