WIWIN Scope X Carbon Accounting

Zusammenfassung

Bestehende Ansätze zur Bestimmung der CO2-Emissionen von Unternehmen sind limitiert, da in der Regel nur der direkte und indirekte Fußabdruck des Betriebs und der Produktion (Scope 1 und 2) berücksichtigt wird. Um jedoch ein realistisches Bild der Emissionsbilanz von Unternehmen zu erhalten, muss die gesamte Wertschöpfungskette analysiert werden. Vereinzelt finden zwar auch die sog. Scope 3 Emissionen Beachtung, die sich u.a. auf vorgelagerte Lieferketten und nachgelagerte Aktivitäten bspw. in den Bereichen des Transports, Verkaufs, Verwendung und Recyclings des angebotenen Produkts beziehen. Einen wesentlichen Faktor beinhaltet jedoch auch Scope 3 nicht: CO2-Emissionen, die durch das Endprodukt im Vergleich zu konventionellen Lösungen vermieden werden. An diesem Punkt setzt WIWIN Scope X an. CO2-Einsparungen werden zunächst mit den produktspezifisch entstandenen Scope 1,2 und 3 Emissionen verrechnet. Die verbleibenden NettoEinsparungen werden anschließend anhand der Werthaltigkeit der einzelnen Produktbestandteile und verbundenen Services an der gesamten Wertschöpfungskette des Endproduktes aufgeteilt und den jeweils beteiligten Akteuren entsprechend ihres Anteiles an der Wertschöpfungskette zugewiesen. Nur so lässt sich eine realitätsnahe Emissionsbilanz für alle Unternehmen unabhängig von der Position in der Wertschöpfungskette aufstellen.

Die Ausgangssituation

In Folge zunehmenden Investoreninteresses an nachhaltigen Finanzinvestments und regulatorischen Vorgaben durch die EU-Taxonomie befindet sich die Finanzbranche im strukturellen Wandel. Neben der Jagd nach Renditen stehen auch immer öfter ethische, soziale und nachhaltige Gesichtspunkte im Fokus. Im Zuge dessen entstanden in den letzten Jahren eine Reihe „nachhaltiger“ ESG-Fonds und damit auch die Diskussionen rund um das Thema Greenwashing in der Finanzbranche, über das medial bereits umfassend berichtet wurde. Ein wesentliches Problem dabei ist, dass noch keine klar definierten und erprobten Standards analog den international anerkannten Regularien zur Rechnungslegung vorhanden sind. Dies betrifft bspw. auch das Thema Carbon Accounting. Die CO2-Bilanzierung von Unternehmen ist ein elementarer Bestandteil der Bewertungen im Bereich „Environment“ der großen ESG-Rating-Agenturen, auf die sich viele Portfolio Manager der großen ESG-Fonds bei ihrer Nachhaltigkeitsanalyse verlassen. Aber wie kommen diese Rating-Agenturen eigentlich auf ihre Ergebnisse?

Das Problem

ESG-Ratingagenturen fokussieren sich bei ihrer Analyse vor allem auf die Veröffentlichungen an Daten im Rahmen der Jahresabschlüsse und Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen. Mittlerweile berichten vor allem Large und Mid Caps in diesem gesonderten Report über ihr ESG-Profil und ihre Aktivitäten, um das Thema Nachhaltigkeit voranzutreiben. Zentraler Bestandteil der Berichterstattung zum Thema „Environment“ sind dabei die sog. Scope 1 und 2 Emissionen. Diese beiden Kennzahlen bilden den direkten und indirekten CO2-Fußabdruck eines Unternehmens während der Produktion und dem Betrieb ab. Zu den Emissionsquellen gehören bspw. der Betrieb eigener Anlagen mit fossilen Brennstoffen, ein eigener Fuhrpark aber auch die eingekaufte Energie in Form von Strom oder Wärme. Da diese Emissionen vergleichsweise leicht messbar sind, ist die Datenlage qualitativ gut. Aus diesem Grund stützen sich die meisten bestehenden Ansätze von Nachhaltigkeitsratings vornehmlich auf Scope 1 und 2.

Das hat zur Folge, dass vor allem Unternehmen mit wenigen energieintensiven Verarbeitungsprozessen wie bspw. Softwarefirmen regelmäßig ESG-Bestnoten erhalten und in vielen nachhaltigen Fonds vertreten sind. Diese Betrachtungsweise bringt jedoch erhebliche Limitierungen mit sich, da die Produktion und der Betrieb eines Unternehmens mit Blick auf den gesamten Lebenszyklus eines Produktes häufig nur eine untergeordnete Rolle spielen. Vielmehr zahlen bspw. vorgelagerte Lieferketten, energieintensive Ressourcengewinnung, die Verwendung von Endprodukten oder auch die End-ofLife Recyclingfähigkeit auf die CO2-Bilanz der Aktivitäten eines Unternehmens ein. Diese Emissionen werden im Allgemeinen unter dem Begriff Scope 3 gesammelt. Da die Messung und Berechnung dieser CO2-Quellen deutlich komplexer und umfangreicher ist, werden Scope 3 Emissionen nur selten von Unternehmen in ihrer Berichterstattung ausgewiesen und finden folglich in der Regel nur begrenzt Beachtung in der Nachhaltigkeitsbewertung. Eine flächendeckende Berücksichtigung von Scope 3 würde die Qualität von Nachhaltigkeitsratings bereits deutlich verbessern. Allerdings hat auch das Konstrukt der Scope 3 Emissionen eine wesentliche Schwachstelle. So werden lediglich CO2Ausstöße berücksichtigt, nicht aber entsprechende CO2-Einsparungen im Betrieb oder als Folge der Recyclingfähigkeit.

Überblick über das gängige Vorgehen der CO2-Bilanzierung in Form von Scope 1,2 und 3 Emissionen. Quelle: WRI/WBCSD Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard (PDF), Seite 5.

Für ein umfassendes und realitätsnahes Carbon Accounting ist aber gerade dies von elementarer Bedeutung. Besonders deutlich wird dies am Beispiel eines Windrades, das in der Wertschöpfungskette vom Ressourcenabbau über die Produktion bis hin zur Konstruktion äußerst energieintensiv ist. Nichtsdestotrotz liegt die Energie-Payback-Zeit je nach Standort gerade einmal bei einem halben Jahr. Sämtliche im Vergleich zur konventionellen Energiegewinnung eingesparten CO2-Emissionen, die in den folgenden 20-30 Jahren Lebenszeit entstehen, machen das Windrad zu einem ökologischen No-Brainer. An diesem Punkt setzen die WIWIN Scope X Emissionen an, denn Nachhaltigkeitsratings sollten genau diese vollständige CO2-Bilanzierung widerspiegeln.

Die Lösung

Wie kann nun also ein vollständiges Carbon Accounting eines Unternehmens aussehen? In der Regel lässt sich die Wertschöpfungskette in die großen Segmente Beschaffung, Produktion, Betrieb/Produktverwendung und End-of-Life einteilen. Ausgehend von diesem Framework ist es wichtig, die einzelnen Bereiche unternehmens- und produktspezifisch mit Leben zu befüllen. Der Bereich Beschaffung gehört klassischerweise zu den Scope 3 Emissionen und dreht sich um die verwendeten Materialien und deren Herkunft. Woher stammen die benötigten Rohstoffe? Wie viele Emissionen fallen bei dem Abbau der Ressourcen an? Wie viele der Materialien verwendet das Unternehmen? Fragen dieser Art müssen in der Berechnung der CO2-Emissionen im Bereich Beschaffung beantwortet werden. Wie bereits zuvor angedeutet, berichten nur wenige Unternehmen über diese Kennzahlen im Rahmen von Scope 3. Akademische Studien und Veröffentlichungen renommierter wissenschaftlicher Institute bilden aber eine solide Basis, um gepaart mit einigen unternehmensspezifischen Angaben bspw. in Bezug auf verkaufte Stückzahlen und Materialbeschaffenheit einzelner Produkte belastbare Annahmen zu treffen und zu aussagekräftigen Approximationen bei der Bestimmung der CO2-Emissionen für das Segment Beschaffung zu gelangen.

Für den Bereich Produktion ist die Datenlage dagegen deutlich besser. Hier können in der Regel die Scope 1 und 2 Emissionen verwendet werden, die von einem Großteil der Unternehmen im Rahmen der jährlichen Berichterstattung veröffentlicht werden.

Spannend wird es bei dem Betrieb/der Produktverwendung, denn hier kommen die o.g. WIWIN Scope X Emissionen zur Geltung. In diesem Segment werden die anfallenden Emissionen im Sinne von Scope 3 mit den CO2-Einsparungen im Vergleich zum gängigen konventionellen

Vergleichsprodukt miteinander verrechnet. Um im Beispiel des Windrades zu bleiben, fallen im Betrieb durchaus noch CO2-Emissionen an, die in Anlehnung an Scope 3 auch im Carbon Accounting zu berücksichtigen sind. Gleichzeitig vermeidet jede erzeugte Kilowattstunde an Windstrom jedoch auch die Erzeugung einer Kilowattstunde konventionellen Stroms aus Nuklear-, Kohle- oder Gaskraftwerken, die eine wesentlich größere CO2-Belastung mit sich bringt. Genau diese Einsparung gilt es positiv in das Carbon Accounting mit einfließen zu lassen und mit den CO2-Emissionen aus der Windstromentstehung zu verrechnen. Auch hier bildet der Fundus an wissenschaftlichen Untersuchungen eine solide Grundlage, um das CO2-Einsparpotential für verschiedenste Branchen und Produkte zu bestimmen.

Abschließend gilt es das Ende des Lebenszyklus in der CO2-Bilanzierung zu berücksichtigen. Auch dies geht im Allgemeinen als CO2-Ausstoß in die Scope 3 Emissionen ein. Eine hohe Recyclingquote der eingesetzten Rohstoffe ermöglicht jedoch wiederum Einsparungen im Vergleich zu „neu“ hergestelltem Material. Für einen Großteil der häufig verwendeten Materialien gibt es eine solide Datenbasis anhand von zahlreichen wissenschaftlichen Studien, sodass fundierte Annahmen getroffen werden können. Analog zum Bereich Betrieb/Produktverwendung gehen auch diese durch die Zirkularität vermiedenen CO2-Emissionen in den positiven Effekt von WIWIN Scope X in das Carbon Accounting ein.

Bewertungsschema für das WIWIN Scope X Carbon Accounting, eigene Darstellung

Bei diesem gesamten Prozess ist zu beachten, dass die vom jeweiligen Endprodukt insgesamt über die Wertschöpfungskette verursachten Emissionen in den CO2-Bilanzen aller beteiligten Akteure auftauchen – aufgeteilt in unternehmensspezifische Scope 1 und 2 Emissionen sowie den restlichen Teil der Wertschöpfungskette abdeckende Scope 3 Emissionen. Dies führt mit Blick auf die Summe der in der Wertschöpfungskette entstandenen Emissionen unternehmensübergreifend zu einem Double Accounting in Scope 3. Um dieser Doppelbilanzierung sowie der Wichtigkeit von Beteiligten mit energieintensiven Prozessen in der Wertschöpfungskette gerecht zu werden, sorgen die CO2Einsparungen von WIWIN Scope X Emissionen zunächst einmal für eine Kompensation aller mit dem Endprodukt in Verbindung stehenden CO2-Emissionen. Auf diese Weise wird auch gewährleistet, dass bspw. die hohen Emissionen eines Stahlproduzenten für seine mit einem Windrad in Verbindung stehenden Aktivitäten ausreichend berücksichtigt werden. Denn ohne die Produktion von Stahl wäre der später in der Wertschöpfungskette erzeugte Impact des Windrades gar nicht möglich.

Die darüber hinaus verbliebenen netto-eingesparten WIWIN Scope X Emissionen werden auf alle in der Wertschöpfungskette beteiligten Unternehmen verteilt, um so die Gefahr des Double Accountings der CO2-Einsparungen zu vermeiden. Im Falle eines Windrades sollten bspw. die Stahlproduzenten ebenso einen Teil der netto-eingesparten CO2-Emissionen zugerechnet bekommen wie die Rotorblatthersteller, Projektentwickler oder auch die finalen Betreiber. Für die verschiedenen Branchen lassen sich dabei Modelle aufstellen, die für die beteiligten Akteure anhand des Anteiles an der Gesamtwertschöpfung für eine faire und korrekte Verteilung sorgen. Konkret erfolgt die Verteilung anhand des Value-Add entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Bis zum Ende gedacht ermöglicht dieses Vorgehen grundsätzlich ein Carbon Accounting für jeden einzelnen

Menschen auf diesem Planeten, der mit seinem Geld über Eigenkapital direkt oder in Form von Bankeinlagen und daraus resultierendem Fremdkapital indirekt an den Unternehmen und deren Emissionen beteiligt ist.

 

Das dazugehörige Interview finden Sie hier:

 

 

19. Mai 2022

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Autor

Gunter Greiner

Gunter Greiner ist Geschäftsführer der WIWIN Green Impact Fund GmbH und bringt 20 Jahre Investment-Erfahrung mit: im Portfolio Management für Fonds- & Investmentgesellschaften (VCH, KST & Invesco) sowie im Investment Banking mit Schwerpunkt auf ESG- und Impact Investments sowie erneuerbare Energien. Er hat zudem Erfahrung in diversen Aufsichtsräten gesammelt.

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