Behavioral Finance – Warum das eigene Gehirn beim Anlegen gegen uns ist

Das menschliche Gehirn hat sich über die letzten 2 Millionen Jahre entwickelt. Doch 98 % dieser Zeit hat es damit verbracht, die Wahrscheinlichkeit für das eigene Überleben, der Fortpflanzung und den Erfolg bei der Nahrungssuche zu erhöhen. Im historischen Maßstab steht es erst seit sehr kurzer Zeit vor den Herausforderungen der Zivilisation, wie z.B. dem Treffen richtiger Anlageentscheidungen.

Unsere biologische Software versucht die über Millionen Jahre erlernten Optimierungsstrategien auf neue Anwendungsfälle zu übertragen. Dabei kommt es noch häufig zu Fehlern, die man in der Finanzpsychologie „Biase“ nennt, was aus dem Englischen stammt und so viel heißt wie „Verzerrung“ oder kognitive Fehler. Das passiert besonders häufig, wenn es um präzises Denken oder statistische Zusammenhänge geht und insbesondere an der Börse. Denn diese Form von Denkaufgaben haben dem Menschen nicht beim Überleben geholfen, sodass solche Fähigkeiten evolutionär kein Gewicht bekommen haben. Stattdessen hat es unseren Vorfahren beim Überleben geholfen, so wenig Energie wie möglich mit dem Energiefresser „Gehirn“ zu verbrauchen und ungefähre, eher assoziative „Schnellschüsse“ bei Entscheidungsprozessen einzusetzen. Damit lag man beim Kampf ums Überleben oder der Fortpflanzung vorne.

Man kann diesen Heuristiken bzw. Biasen am besten begegnen, indem man sie identifiziert und versteht. Denn das menschliche Gehirn ist durchaus in der Lage präzise zu denken, doch man muss sich aktiv dazu überwinden. Deshalb beschreibe ich Ihnen drei der üblichsten Verzerrungen und Sie prüfen, ob Sie sich darin wiedererkennen.

#1 „Anchoring“: Wie Stimmung und Ankerpunkte unsere Finanzentscheidungen verfälschen

Kennen Sie das nicht auch, dass auf beinahe jeder Speisekarte mind. ein Gericht ist, das deutlich teurer ist als alle anderen? Das kann das XXL-Filetsteak sein, der feinste Hummer oder eine andere erlesene und besonders wertvolle Spezialität. Dieser außerordentlich hohe Referenzpreis gilt als Anker in unserem Kopf und lässt alle anderen Gerichte in diesem Restaurant relativ betrachtet günstig erscheinen.

Typische Ankereffekte wie dieser treten auch bei der Geldanlage auf. Zum einen bei der Auswahl von Aktien oder Fonds und zum anderen beim späteren Verkauf derselben. Nehmen wir zunächst das Beispiel der Aktien- oder Fondsauswahl: Ein geläufiger Fehler besteht, darin, Wertpapiere allein anhand ihrer Rendite in der Vergangenheit auszuwählen. Diese sagt rational betrachtet, wenn überhaupt, nur sehr wenig über die zukünftige Entwicklung der Aktie oder des Fonds aus. Zugegeben, es gibt zwar Nachweise für den sogenannten Momentum-Effekt, der beschreibt, dass Aktien mit einer guten Performance dazu neigen, auch in naher Zukunft gut zu laufen. Doch dieser Effekt galt nur in bestimmten Regionen und über ganz spezielle Zeiträume und könnte auch ein Zufall gewesen sein. Keine gute Idee also, sich allein darauf zu verlassen. Bei Fonds wurde solch ein Effekt noch gar nicht nachgewiesen. Dennoch gibt es den Effekt, dass erfolgreiche Fonds in der Zeit darauf viel Volumen auf sich vereinen.

Beim Verkauf von Titeln kommt es wieder zu einem Ankereffekt: Häufig wird der persönliche Einstiegspreis als Anker verwendet, um zu entscheiden, wann ein Wertpapier, dass im Verlust war, wieder verkauft wird. Das ist höchst irrational, denn die Börsenentwicklung wird ganz sicher nicht davon abhängen, ob das Wertpapier für uns individuell gerade im Plus oder Minus ist.

Wie Sie den Ankereffekt vermeiden

Beides ist ein typischer Ankereffekt, der durch eine irrationale psychologische Neigung hervorgerufen wird. Wenn Sie zu Referenzgrößen greifen, um eine Aktie relativ zu anderen zu bewerten, schauen Sie lieber auf Vergleichsgrößen aus der Branche, in der das Unternehmen tätig ist, welches Sie beleuchten. Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das Kurs-Buch-Verhältnis oder auch die Free-Cash-Flow-Rendite sind wesentlich aussagekräftiger, wenn man sie mit Branchendurchschnitten vergleicht. Bei Fondsmanagern sollte man wenn möglich den Dialog suchen und sich intensiv mit den angewandten System beschäftigen. Gibt es überhaupt keine erkennbare, konsistente Systematik oder zu große Freiheitsgrade für den Fondsmanager, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr vermeintlich sicherer Anker nur auf Glück basiert und die Zukunft ganz anders verläuft.

#2 Der Authority-Bias – Achtung vor Expert/innen

Der Authority-Bias beschreibt die Tendenz, den Einschätzungen von Experten zu folgen und den Meinungen von „Autoritäten“ ein hohes Gewicht beizumessen. Dieser beobachtbare Effekt kommt nicht von ungefähr. Schon im Kindesalter wird uns eingebläut, dass es das einzig Richtige ist, auf unsere Eltern, Lehrer und andere „Obrigkeiten“ zu hören. Wer zu sehr querdenkt, wird sozial schnell ausgeschlossen und fristet ein Außenseiterdasein.

Diese Effekte gehen mit dem Authority Bias einher

Halo-Effekt: Psychologen haben den Halo-Effekt bereits Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben. Halo heißt übersetzt Heiligenschein. Der Effekt besteht darin, dass eine wahrnehmbare Eigenschaft auf die gesamte Einschätzung einer Person abstrahlt. So halten wir zum Beispiel eine Person, die im Fernsehen über die Börse berichtet und dort als besonders wohlhabend dargestellt wird, für eine erfolgreiche Anlegerin.

Starstruck: Derselbe Effekt führt auch dazu, dass Menschen „starstruck“ sind, also wie gelähmt, wenn sie plötzlich einem Prominenten begegnen. Seine Tätigkeit in der Öffentlichkeit, auf großen Bühnen oder in Kinofilmen strahlt auf seine bzw. ihre gesamte Persönlichkeit ab, sodass der Eindruck entsteht, er oder sie sei perfekt. Nicht selten kommt dann das böse Erwachen, wenn man feststellt, dass diese Person eigentlich unsympathisch ist.

Beispiele für Börsen-Verluste aufgrund des Authority Bias

Vermeintliche Experten sind nicht immer Stars oder Prominente, sondern auch Politiker, Journalisten oder Börsen-Analysten. Bei der Wahrnehmung dieser Personen spielt der Authority-Bias eine große Rolle.

  1. Wirecard

Im Wirecard-Beispiel geht es um den spektakulär irrenden „Mr. Dax“, Dirk Müller. Er fungierte im Fernsehen als Börsenexperte und sagte kurz vor der Wirecard-Pleite in einem öffentlichen Interview, dass die Firma völlig einwandfrei sei und er die Bilanz auf Herz und Nieren geprüft habe. Alle, die etwas anderes sagten, seien nur geldgierige Leerverkäufer, die auf Verluste spekulierten.

  1. Kurstreiber Elon Musk

Tesla- und Space-X-Gründer Elon Musk sorgt mit seinen Äußerungen und Tweets immer wieder für Höhenflüge einzelner Aktienkurse, denen fast immer ein Absturz folgt. So befeuerte er das Auf und Ab des Bitcoins und schlug sich zum Beispiel im Gamestop-Krimi auf die Seite der Kleinanleger, die daraufhin noch begeisterter in die Aktie investierten, die auf der Leerverkauf-Liste großer gegen Hedgefonds stand.

Das wohl kurioseste Beispiel: Nachdem der Messanger-Dienst What’s App aufgrund neuer Nutzungsbestimmungen in die Kritik geriet, twitterte Musk „Use Signal“, woraufhin Anhänger massenhaft Aktien des Unternehmens „Signal Advance“ orderten. Obwohl der Medizintechnik-Hersteller nichts mit dem Messanger Dienst zu tun hat, stieg der Kurs von Freitag auf Montag um 930 Prozent, um schnell wieder abzustürzen.

#3 Der Status Quo-Bias – Warum unser Gehirn das Bekannte dem Neuen vorzieht

Unser Gehirn ist aus Sicherheitsgründen ein sehr starker Pessimist! Dies ist evolutionär bedingt: Gewinnen ist großartig und fühlt sich gut an, aber verlieren fühlt sich viel schlimmer an, als Gewinnen sich gut anfühlt. Vor neue Möglichkeiten gestellt, gilt es daher in erster Linie, das Schlimme Ereignis zu vermeiden, denn es würde schwerer wiegen. So präferiert es tendenziell den Status Quo.

„Für jeden der daran zweifelt, hat es Andre Agassi direkt nach einem Grand-Slam-Sieg sehr gut auf den Punkt gebracht: „Now that I’ve won a slam, I know something very few people on earth are permitted to know. A win doesn’t feel as good as a loss feels bad, and the good feeling doesn’t last long as the bad. Not even close.“ Der Mann weiß, wie gut sich gewinnen anfühlt, denn er hat in 21 Jahren Profi-Karriere als Tennisspieler 60 Titel geholt, davon acht bei Grand-Slam-Turnieren.“

Insbesondere die instinktive Neigung dazu, Verluste vermeiden zu wollen, lässt uns nachteilhafte finanzielle Entscheidungen treffen. Verliereraktien werden lange gehalten, weil man vermeiden möchte, sich Verluste einzugestehen. Man hat die Hoffnung, dass sie noch in den positiven Bereich drehen. Häufig ist bei Verlierer-Aktien sogar der ursprüngliche Kaufpreis das Hauptziel unseres Unterbewusstseins (Vgl. Ankereffekt). Erst dann wird wieder verkauft. Häufig kommt es dazu jedoch gar nicht! Während man Gewinner aus Angst davor, dass die Gewinne einem wieder „weggenommen werden“, zu früh wieder verkauft. In vielen Fällen wäre das Gegenteil jedoch die bessere Entscheidung gewesen.

Fazit:

„Die Heuristiken, also fehleranfälligen Vereinfachungen, die unser Gehirn nutzt, sollten uns keine Angst machen. Viel mehr sollten wir lernen, achtsam mit ihnen zu leben. Achtsamkeit beginn damit, unsere „Fehlerchen“ zu kennen und sie uns einzugestehen. Die in diesem Beitrag präsentierten Denkverzerrungen geben Ihnen eine erste Anregung, dies zu tun. Jetzt ist es an Ihnen!“

 

11. Mai 2022

 

Der Artikel ist eine Zweitveröffentlichung und wurde bereits im April im performer.das investmentmagazin veröffentlicht.

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Autor

Tobias Garbiel

Der studierte Betriebswirt (Master of Science) betreut als Vermögensverwalter bei der HAC VermögensManagement AG private und institutionelle Investoren mit einem Volumen von rd. 40 Mio. Euro. Seine Leidenschaft ist die Weitergabe von Wissen über die Geldanlage, um die Aktienkultur in Deutschland zu verbessern. Als Geschäftsführer der Hanseatischen Anleger Community schreibt er das monatliche Börsenmagazin „Marathon Investor“ und organisiert Events zu Finanzen. Das neueste Projekt der Community mit 25-jähriger Historie ist der YouTube-Kanal „So geht Geldanlage“.

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