Investieren mit Positivem Impact – Wie Impact Investing soziale und ökologische Innovationen nach vorne bringt

Durch die aktuelle Pandemie wird uns schmerzhaft bewusst, dass zwischen Wohlfahrtsstaat und Wirtschaft noch immer tiefe System-Lücken klaffen. Zentrale Themen wie Klimawandel, Hunger, Armut, Inklusion, Nahrungsmittelverschwendung, Pflegenotstand und Gesundheitswesen bewegen Herzen – und zum Glück auch zunehmend Anlagevermögen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Impact Investing dabei, alte Denkschemata aufzubrechen und Teil einer neuen Anlagephilosophie zu werden. Was einst Nische war, inspiriert inzwischen nicht nur Family Offices, Business Angels und vermögende Privatinvestoren, sondern auch die großen institutionellen Player: Von TPG über KKR bis Bain Capital stellt sich nicht mehr die Frage OB, sondern WIE am besten in soziale und ökologische Lösungen investiert wird. Zeitgleich treibt der Appetit der Anleger auf mehr positivem Portfolio-Impact die Asset Manager dazu an, in Sachen ökologischer, sozialer und verantwortlicher Führungsthemen („ESG“) deutlich nachzurüsten. Vor kurzem drückte Larry Fink, CEO des weltgrößten Vermögensanlegers Blackrock, in seinem jährlichen Brief an Unternehmensvorstände kräftig auf die ESG-Tube und unkte über „eine erhebliche Umverteilung von Kapital“. Doch wo genau ist die Trennlinie zwischen ESG und Impact Investing? Wie vermeidet man als Anleger die Gefahr von Impact-Washing? Und wie genau kann man sein Kapital für mehr messbare, positive gesellschaftliche Wirkung einsetzen? Die Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship (FASE) hat zwei Ideen zum Einstieg parat.

Die Bedeutung von Sozialunternehmen

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass soziale und ökologische Herausforderungen auch unternehmerisch gelöst werden können? Können Sie sich vorstellen, dass ein Unternehmen die gesellschaftliche Wirkung zum Kern und nicht nur zur Verpackung seiner Angebotspalette macht? Dann lassen Sie sich von mehr als 50 erfolgreichen Transaktionen in europäische Sozialunternehmen inspirieren. Was in anderen innovativen und technologischen Bereichen Standard ist, nämlich Kapital für junge, spannende Startups bereitzustellen, lässt sich auch mit Sozialunternehmen („Social Enterprises“) umsetzen. Wobei „social“ hier im weiteren Sinne von „gesellschaftlich“ gemeint ist, also einschließlich ökologischer und sozialer Problemlösungen. Der Sprung dahin ist gar nicht so weit wie von vielen Investoren zuweilen vermutet. Analog zu klassischen Startups kommt Eigen-, Fremd- oder Mezzanine-Kapital als Treibstoff in die unternehmerischen Tanks. Viele Sozialunternehmen navigieren dazu –entgegen oft hartnäckiger Klischees – nicht nur mit gemeinnützen, sondern auch mit gewinnorientierten oder hybriden Geschäftsmodellen, haben viele kreative und innovative PS unter der Haube und sind skalierungsfähig, wenn auch nicht unbedingt in Form des beliebten „Hockeystick“. Darüber hinaus gelten dieselben Erwartungen an die Investitionsreife, an unternehmerische Professionalität und einen erfolgreichen „Proof of Concept“ wie es bei jedem anderen Startup ebenso der Fall ist.

Bundesinitiative Impact Investing „Wir verstehen Impact Investing als einen Investmentansatz, der über die reine Orientierung an Rendite und Risiko hinausgeht. Positive soziale und/oder ökologische Wirkungen sollen möglichst direkt, intendiert und nachweisbar sein. Es geht uns um eine messbare positive gesellschaftliche und/oder ökologische Wirkung. Impact Investing geht nach dieser Definition über die bisherigen ESG- oder SRI-Ansätze hinaus.

Was wirklich neu ist am Impact Investing ist – neben den üblichen Anlagekriterien Risiko, Rendite und Liquidität – ist die vierte Dimension des Impacts. Der primäre Motor von Sozialunternehmen heißt messbare, positive soziale und ökologische Wirkung erwirtschaften. Dieses Ziel wird häufig eingebettet in neuartige Geschäftsmodelle und innovative Märkte, in denen die gesellschaftliche Wirkung skaliert, d.h. mindestens proportional zum operativen Geschäft mitwächst. Wie genau dies geschieht und wie die Wirkung gemessen und berichtet wird, ist das entscheidende Wesensmerkmal – nicht nur für die Sozialunternehmen selbst, sondern auch für ihre Investoren.

Gesellschaftliche Wirkung mit System

Die jüngste Analyse des Global Impact Investing Network (GIIN) schätzt die Größe des internationalen Impact Investing Markts derzeit auf ca. 715 Milliarden USD. Das mutet im Vergleich zu den weltweit verwalteten Vermögenswerten noch immer sehr bescheiden an. In Deutschland sind es nach der aktuellen Marktstudie der Bundesinitiative Impact Investing etwa 2,9 Milliarden EUR, die für Impact bisher mobilisiert wurden. Doch die Zeichen der Zeit stehen durchaus auf dynamischem Wachstum. Dazu kommt der beschleunigte Umbruch, den die Pandemie ausgelöst hat: Impact Investing und ESG-Strategien, die nicht nur Shareholder Value, sondern das Interesse aller betroffenen „Stakeholder“ im Blick haben, wird langfristig eine bessere Performance bei geringerer Volatilität attestiert. Dabei ist das Spektrum an Impact-Themen genauso vielfältig wie bei klassischen Startups auch: Es reicht von Bildung, Gesundheit und Pflege, über erneuerbaren Energien, inklusives FinTech und Mikrofinanzierung bis hin zu sauberem Wasser, Hygiene, nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft und vielen weiteren wichtigen SDG-Themen. Technologische Innovationen wie Machine Learning, AI, Blockchain und Big Data gehören dabei genauso selbstverständlich zur Lösung dazu wie es beim jüngsten Schrei aus dem Silicon Valley der Fall ist. Beispiele aus unserem Mandanten-Portfolio wie Jobkraftwerk (digitales Integrations- und Case-Management für Sozialarbeiter), awamo (mobile biometrische Software für Mikrofinanzinstitute) oder bettermarks (adaptive, interaktive Mathematik-Lernplattform für Schüler) machen deutlich, dass digitale Lösungen auch ein fantastischer Treiber für skalierbaren Impact sein können.

Ein inspirierendes Beispiel dafür ist auch das Berliner Sozialunternehmen Studio2B.  Lange vor COVID-19 hat es sich der Mission verschrieben, Schulen für das digitale Zeitalter fit zu machen. Mehrere innovative Lernkonzepte wie beispielsweise „Dein Erster Tag“ (Berufsorientierung über Betriebsbesichtigungen mit Virtual Reality Brillen), „Schülerpraktikum.de“ (Deutschlands größte Plattform für Schülerpraktika) oder „veedu“ (digitale berufliche Aus- und Weiterbildung) sorgen heute bundesweit dafür, dass Schüler sich für Berufe begeistern und für die Zukunft qualifizieren können.

©Dein Erster Tag / Studio2B

Ein Erfolgsfaktor ist, dass die Angebote für Lehrer und Schüler einfach und direkt umsetzbar sind. Den nötigen Wachstumssprit für seinen Wirkungsmotor hat sich das Sozialunternehmen über drei Impact Investing Runden besorgt und bisher 11 Impact Investoren von seinen zukunftsweisenden Bildungs-Innovationen überzeugt. Dass solche Finanzierungsrunden ein echtes Highlight sein können, messbare Systemveränderung viel Zeit,  Geduld und Innovationskraft braucht, und dass erfahrene Investoren, die sich in dem Impact-Bereich auskennen, eine wichtige Bestärkung für einen Sozialunternehmer sein können, sind wichtige Erkenntnisse, die Studio2B-Gründers Robert Greve für sich gesammelt hat. Nur eines der vielen inspirierenden Beispiele für das Denkschema der Zukunft: unternehmerische Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Wirkung gehen Hand in Hand.

 

Direkt oder lieber in Fonds?

Selbstverständlich sind Direktinvestments in Sozialunternehmen nicht weniger risikobehaftet als dies bei klassischen Startups der Fall ist. Zusätzlich stehen seit COVID-19 kleine und mittelgroße Unternehmen generell unter Druck, finanzielle Liquidität, unternehmerische Finesse und Stresstest-Resilienz in schwierigen Zeiten zu beweisen. Sozialunternehmen sind dahingehend oft noch mehr gefordert als ihre klassischen Kollegen, da Kapital leider immer noch spärlicher zu sozialen Investitionskandidaten hinfließt. Ein Problem, das aus öffentlichen Töpfen allein nicht mehr zu stemmen ist. Privates Investitionskapital ist deshalb gefragt. Und darin liegt die gesellschaftliche Chance: mehr Aufmerksamkeit, Mittel und Wertschätzung für solcherlei Lösungen bereitzustellen kann langfristig nicht nur positive Wirkung und Systemwandel bringen, sondern auch attraktive, risikoadjustierte Renditen.

Chancen & Risiken ESIIF
©FASE & avesco Financial Services

Wem jedoch Transaktionskosten, Aufwand für die eigene Investitionsprüfung und Einzeltitelrisiko zu hoch erscheinen, der kann sich auch an einem diversifizierten Impact Fonds beteiligen. Ein Beispiel ist der „European Social Innovation and Impact Fund“ (ESIIF). Nach vielen Jahren der Transaktionsunterstützung für Sozialunternehmen hat FASE seine gesammelten Erfahrungen eingesetzt und gemeinsam mit dem nachhaltigen Investment-Experten avesco Financial Services ein einzigartiges Modell entwickelt: einen mit einer EU-Garantie versehenen, auf Mezzanine-Kapital basierenden Impact Fonds. Der ESIIF weist gleich mehrere spannende Merkmale für deutsche semi-professionelle und professionelle Investoren auf: Neben dem Diversifikationseffekt durch Investitionen in ca. 60 europäische Sozialunternehmen hält er drei für den deutschen Impact-Markt einzigartige Merkmale bereit:

(1) Eine Teilabsicherung des Ausfallrisikos durch die sogenannte „EaSI Bürgschaft“ des European Investment Fund,

(2) die Wahlmöglichkeit zwischen einer Senior- und einer Junior-Tranche mit unterschiedlichen Risiko-Rendite-Profilen, sowie

(3) ein Matching-Fund-Prinzip, das sicherstellt, dass der Fonds ausschließlich zu gleichen Bedingungen und parallel mit Direktinvestoren in die jeweiligen Zielunternehmen investiert.

Dies schafft für interessierte Wirkungs-Sucher eine balancierte Einstiegsmöglichkeit ins Impact Investing und adressiert gleichzeitig ein drängendes Thema unserer Zeit: innovative, frühphasige und investitionsbereite Sozialunternehmen in Europa mit dem nötigen Kapital zu versorgen, damit sie möglichst viele Begünstigte mit ihren neuen Lösungen erreichen. Mit anderen Worten: dem gesellschaftlichen Bewusstseinswandel Taten und Gelder folgen lassen.

 

01. März 2021

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Autor

Dr. Markus Freiburg

Dr. Markus Freiburg ist Gründer und Geschäftsführer von FASE und verbindet seine umfassende Strategie- und Finanzierungsexpertise mit der Leidenschaft für Sozialunternehmen. Er ist anerkannter Experte für Social Finance und nimmt durch seine Mitgliedschaft in der Expert Group on Social Entrepreneurship (GECES) der EU-Kommission und im German National Advisory Board der G7 Social Impact Investing Taskforce aktiv an der Gestaltung des Ökosystems teil. Er wurde 2017 zu dem „40 under 40 European Young Leaders“ Jahrgang berufen.

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Autor

Christina Moehrle

Christina Moehrle hat nach mehr als 20 Jahren Erfahrung in Venture Capital, strukturierter Finanzierung und Investor Relations ihre Begeisterung für Social Entrepreneurship und Impact Investing zur Berufung gemacht. Seit 2011 steuert sie ihr Wissen als freiberufliche Kommunikationsexpertin gezielt zum Thema Impact Finance bei und entwickelt darüber hinaus Lernprogramme für Sozialunternehmen, Impact Investoren sowie öffentliche und philanthropische Impact-Kapitalgeber.

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Christina Moehrle

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