Ein grünes Heilmittel für den „kranken Mann" in Europa

Aufgrund seiner wirtschaftlichen Stagnation und hohen Arbeitslosenzahlen erhielt Deutschland in den 1990er Jahren den Beinamen „kranker Mann Europas“. Obwohl die wirtschaftlichen Bedingungen unter denen das wiedervereinigte Deutschland litt heute längst zur Vergangenheit gehören, kehrt das Bild des „kranken Mannes“ erneut in die Öffentlichkeit zurück.

Die wirtschaftlichen und geopolitischen Verschiebungen der Post-COVID-Ära brachten Deutschland in eine ungewöhnlich prekäre Lage. Als einer der Hauptprofiteure der Globalisierung in den 2000er und 2010er Jahren kämpft das Land nun darum, sich in dieser neuen Welt zu positionieren. Die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöste Energiekrise hat die deutsche Industrie in Bedrängnis gebracht und zwingt das Land dringender denn je dazu, über den Weg hin zu einer grünen Transformation nachzudenken.

Im Spannungsfeld von Handelskonflikten zwischen den USA und China, hohen Zinsen und der weltweiten Rückkehr zu staatlich gelenkter Industriepolitik, ist die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft aktuell eher eine Frage als eine Gewissheit. Eine alternde Bevölkerung und niedrige Geburtenraten erschweren diese Probleme zusätzlich.

Das bisherige Wirtschaftsmodell, mit dem Deutschland einst erfolgreich den Weg aus der Krise fand, funktioniert nicht mehr. Dennoch besteht Grund zur Annahme, dass sich das Land erneut wirtschaftlich aufrichten kann. Als größte Volkswirtschaft der EU bleibt Deutschland ein industrieller Riese und die politischen Entscheidungsträger arbeiten bereits intensiv an der Bewältigung künftiger Herausforderungen und dem Aufbau einer grünen Zukunft. Ein ausreichend finanzierter grüner Wandel dürfte Deutschlands einzige Chance sein, seine Führungsposition wiederzuerlangen und die energie- und wirtschaftspolitische Souveränität Europas zu sichern.

Alte wirtschaftliche Krankheiten

Deutschland zählt zwar nach wie vor zu den industriellen Schwergewichten, doch die exportorientierte Wirtschaft sieht sich auf ihren traditionellen Märkten zunehmender Konkurrenz ausgesetzt. Die wichtigsten Handelspartner USA und China konzentrieren sich auf ihre heimischen Industriekapazitäten, während es für die deutschen Automobilhersteller zunehmend schwieriger wird, sich auf dem chinesischen Markt zu behaupten.

Deutschlands in der Vergangenheit positive Nettohandelsströme nahmen seit 2015 rapide ab und das Land konnte bisher die Abhängigkeit von seinen Handelspartnern nicht im gleichen Maße verringern, in dem diese ihre Abhängigkeit von Deutschland reduzieren konnten. Der sprunghafte Anstieg des Handelsdefizits mit China und Russland seit 2022 wurde nicht durch einen Rückgang der Exporte, sondern durch einen Anstieg der Importe aus Deutschland verursacht. Ähnlich verhält es sich mit den ausländischen Direktinvestitionen. Nach Angaben des Institut der deutschen Wirtschaft (IW) investierten deutsche Unternehmen im Jahr 2022 135 Mrd. Euro im Ausland, während nur 10,5 Mrd. Euro an Auslandsinvestitionen ins Land flossen.

Quelle: PwC Global AWM & ESG Market Research Centre; Statistisches Bundesamt

Das unmittelbarste und beängstigendste Problem Deutschlands ist die Überalterung der Bevölkerung, die mit einem massiven Arbeitskräftemangel und hohen Arbeitskosten einhergeht. Wie The Economist kürzlich berichtete geben zwei von fünf Arbeitgebern an, dass sie keine qualifizierten Arbeitskräfte finden können und dieses Problem wird sich mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung weiter verschärfen.

Anmerkung: Daten vor 1990 beziehen sich nur auf die Bundesrepublik Deutschland
Quelle: PwC Global AWM & ESG Market Research Centre; Statistisches Bundesamt

Darüber hinaus droht die Hinwendung zu einer zunehmend protektionistisch ausgerichteten globalen Handelspolitik den Freihandel zu untergraben, der Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten seine Wettbewerbsfähigkeit verliehen hat. In den USA lockt der Inflation Reduction Act (IRA) der Biden-Administration – ein De-facto-Klimagesetz zur Dekarbonisierung der amerikanischen Industrie durch erhebliche Steuervergünstigungen und Subventionen – bereits deutsche Branchengrößen, ihre europäischen Projekte aufzugeben und sich stattdessen auf der anderen Seite des großen Teichs niederzulassen. Angesichts der hohen Arbeits- und Energiekosten in Deutschland musste Berlin diesen verlockenden Angeboten mit massiven eigenen Subventionen begegnen.

Geopolitik: ein wirtschaftspolitischer Drahtseilakt

Der Handelskrieg zwischen den USA und China hat Deutschland in eine unangenehme Position gebracht. Die USA – sein größter Exportmarkt – setzen es unter Druck, sich von seinem größten Importmarkt China abzuwenden. Da sowohl die EU als auch China der größte Handelspartner des jeweils anderen sind, dürfte keiner von beiden von einer Schwächung der Beziehungen profitieren. In einer Pressemitteilung nach dem Gipfeltreffen im Juni erklärte der Europäische Rat, dass die EU „nicht die Absicht verfolgt, sich von China abzukoppeln oder sich nach innen zu wenden“. Damit die EU gedeihen kann, muss Deutschland ein industrielles Kraftzentrum bleiben, das die Richtung für die grüne Zukunft der EU weisen kann.

Darüber hinaus hat Russlands Einmarsch in der Ukraine die Energieversorgung bedroht, auf die sich die Bundesrepublik seit jeher verlassen hat. Dieser Krieg führte ganz Europa deutlich vor Augen, dass Energiesouveränität eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts sein wird und Deutschland dringend seinen Energiesektor reformieren muss, ungeachtet seiner geostrategischen Nachteile beim Aufbau eines grünen Netzwerks aufgrund dunkler Winter und einer begrenzten Küstenlinie.

Ein Hoffnungsschimmer

In den 1990er Jahren stagnierte die Wirtschaft. Gerhard Schröders Reformen in den frühen 2000er Jahren legten den Grundstein für ein wirtschaftliches Comeback und die aufeinander folgenden Regierungen von Angela Merkel (2005-2021) ergriffen die Initiative und brachten die Wirtschaft wieder in Schwung. Auch wenn die wirtschaftliche Vormachtstellung derzeit infrage gestellt wird, so bleibt Deutschland im Jahr 2023 ein Kraftpaket mit reichlich Handlungsspielraum, um nicht erneut in eine Krise abzugleiten.

Das BIP wächst weiter und die Arbeitslosenzahlen befinden sich auf einem historischen Tiefstand. Die Löhne sind in den letzten zwei Jahrzehnten entgegen dem Trend im übrigen Europa stets über dem BIP-Wachstum geblieben und auch die Inflation ist trotz hoher Zinsen rückläufig.

Quelle: PwC Global AWM & ESG Market Research Centre; Statistisches Bundesamt

Zahlreiche Stimmen, darunter auch Vizekanzler Robert Habeck, verwiesen auf den Mittelstand als Deutschlands Geheimwaffe gegen eine wirtschaftliche Katastrophe – und bezogen sich dabei auf den industriellen Mittelstand, der häufig Spezialmaschinen oder Werkstoffe herstellt. Sie repräsentieren einen beträchtlichen Teil der Wirtschaft und können dank ihrer Größenstruktur sowohl innovativ als auch flexibel agieren. Innerhalb der oft von wenigen, großen Akteuren geprägten Industriewirtschaften stellen sie ein Alleinstellungsmerkmal dar. Diese hohe Wettbewerbsfähigkeit kann Deutschland ausspielen, sofern es ihm gelingt, seine Energieprobleme zu lösen.

Grünes Wachstum

Die grüne Transformation könnte die deutsche Industrie nachhaltig von globalen Angebotsschocks entkoppeln und Innovationen ermöglichen. Bundeskanzler Olaf Scholz setzt bereits jetzt auf den grünen Wandel zur Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft.

Dies dürfte sich jedoch als schwieriges und kostspieliges Unterfangen erweisen, insbesondere angesichts der dafür erforderlichen Dekarbonisierung schwer zu reduzierender Sektoren wie der Stahlindustrie. Zwar existiert die Technologie für die Herstellung von „grünem Stahl“ bereits, die Kosten dafür liegen jedoch derzeit noch deutlich über dem Marktniveau, sodass die Industrie auf staatliche Unterstützung angewiesen sein wird, um den ökologischen Wandel zu bewältigen.

Einige Strategien vermitteln jedoch bereits ein optimistisches Bild. Das ab 2023 geltende Gesetz zum Verbot von Gasheizkesseln in Neubauten bewegt die Städte dazu, ihre Wärmeversorgungsnetze umgehend umweltgerechter zu gestalten. Mehr als 50 Prozent des deutschen Energieverbrauchs entfallen auf Wärme, 85 Prozent davon stammen aus fossilen Brennstoffen. Gleichzeitig setzt die Regierung auf grünen Wasserstoff als alternativen Kraftstoff.

Deutschland durchläuft möglicherweise den Umbruch einer neuen Weltordnung, doch aufgrund seiner Erfahrung bei der Bewältigung wirtschaftlicher Schwierigkeiten und seiner industriellen Leistungsfähigkeit verfügt das Land über eine solide Grundlage, um sich von dem Attribut „krank“ zu lösen. Wenn es Deutschland weiterhin gelingt, dem ökologischen Wandel Priorität einzuräumen und das Wachstum innovativer, mittelständischer Unternehmen zu unterstützen, stehen die Chancen gut, dass es sich in einer sich wandelnden Weltordnung zurechtfinden wird.

 

03. Januar 2024

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Autor

Björn Ebert

Björn ist derzeit Financial Services Leader bei PwC Luxemburg und Audit Partner in den Bereichen Asset & Wealth Management, Alternatives sowie Banking and Capital Markets. Er begann seine berufliche Laufbahn bei PwC 2001 in Deutschland und arbeitete in verschiedenen Bereichen des Finanzdienstleistungssektors, bevor er 2004 zu PwC Luxemburg wechselte. Björn verfügt über umfassende Kenntnisse in der Investmentfonds- und Asset-Servicing-Branche, wo er sowohl als Prüfer als auch als Berater tätig ist und Kunden bei der Umsetzung ihrer Strategie unterstützt, wobei er sich auf die Bereiche Fondsmanagement, IFRS und Compliance konzentriert

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